Die Nacht senkte sich über die Stadt wie ein zerrissener Seidenschleier, der hinter sich Fetzen von zitterndem Licht mit sich zog. Zwei flüchtige Silhouetten schlüpften zwischen den Schatten der Gassen hindurch, zwei Paare goldener Augen, die das Neon flackernder Schilder widerspiegelten. Es waren zwei Katzen, zwei verlorene Seelen im Labyrinth aus Stein und Lärm.
Die eine, ein getigerter Kater mit rötlich-schwarzem Fell, hieß Orion. Sein Wesen war das eines Abenteurers, immer der Erste, der dunkle Ecken erkundete, auf die von Moos gezeichneten, verfallenen Mauern sprang. Die andere, eine weiße Katze mit Augen so grün wie von der Zeit polierte Smaragde, hieß Luna. Sie bewegte sich mit der Anmut einer Tänzerin, jeder Schritt bedacht, jede Bewegung eine stille Poesie.
Sie waren verloren. Nicht einer ohne den anderen, nein. Zusammen. Ihr Revier, jener kleine Garten hinter dem alten Haus mit den blauen Fensterläden, war unter den Schaufeln der Menschen verschwunden. Die Mauern ihres Königreichs waren eingestürzt, und nun schien ihnen die Stadt ein feindseliger Ozean, ein Labyrinth aus Schreien und blendendem Scheinwerferlicht.
Orion blieb plötzlich vor einem umgestürzten Mülleimer stehen, seine Schnauze zuckte. « Riechst du das, Luna? », schien er zu sagen, obwohl Katzen eigentlich nicht sprechen. Doch in der Sprache der Blicke und Schwanzbewegungen verstand sie. Der Geruch von gebratenem Fisch hing in der Luft, vermischt mit dem beißenden Geruch von Metall und Benzin. Luna zitterte. « Das ist nicht unser Zuhause, », schien sie zu antworten.
Sie gingen weiter, Seite an Seite, überquerten verlassene Plätze, wo das Echo ihrer Schritte im Wind verlorenging. Manchmal hallte ein menschliches Lachen in der Ferne wider, oder das tiefe Grollen eines Motors ließ sie zusammenzucken. Orion, immer mutig, kletterte auf die Motorhauben schlafender Autos, musterte den Horizont, als könnte er dort ihr Schicksal lesen. Luna zog es vor, sich an die Wände zu drängen, wo die Dunkelheit am dichtesten war, wo sie unsichtbar werden konnten.
Mitternacht schlug auf der alten Bahnhofsuhr. Die Straßen leerten sich noch ein wenig mehr, und nur die Straßenlaternen blieben als Zeugen ihrer Suche. Da sahen sie es: eine angelehnte Tür, ein goldener Schimmer, der durch die zugezogenen Vorhänge drang. Der Duft von warmer Milch entwich aus dem Haus, eine süße und vertraute Melodie. Ohne zu zögern, schlüpften sie hinein.
Der Raum war warm, in bernsteinfarbenes Licht getaucht. Ein Feuer knisterte im Kamin, und auf dem Sofa lag ein altes Buch, als wäre es vergessen worden. In der Mitte des Wohnzimmers beobachtete eine ältere Frau in einem Wollkleid sie mit Augen voller Überraschung und Zärtlichkeit. « Nun, da seid ihr ja, meine kleinen Wanderer, », sagte sie lächelnd. Sie streckte eine Hand aus, und in ihrer Handfläche warteten zwei dampfende Schälchen.
Orion und Luna tauschten einen Blick. Die Stadt war groß, manchmal grausam, doch heute Nacht bot sie ihnen Zuflucht. Vielleicht war das Verlorengehen kein Ende, sondern der Beginn einer neuen Geschichte.
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