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In der Nacht, als der Mond rot wurde, hielt das Dorf Valmire den Atem an. Es war nicht der sanfte Schimmer der Herbstsonnenuntergänge, sondern ein tiefes Scharlachrot, fast schwarz, als würde der Himmel selbst bluten. Die Ältesten flüsterten, der rote Mond kündige Unglück an, ein Zeichen, dass das Gleichgewicht zwischen den Lebenden und den Schatten gebrochen sei.

Léa, die letzte Weberin des Dorfes, blickte zum Himmel und zitterte. Ihre Finger, die sonst geschmeidig zwischen den Wollfäden tanzten, erstarrten. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihre Großmutter erzählt hatte – von verschwundenen Menschen, vergessenen Kriegen oder Schlimmerem: dem Erwachen dessen, was hätte schlafen bleiben sollen. Im nahen Wald heulten die Wölfe, doch an diesem Abend klang ihr Gesang anders. Es war kein Ruf zum Rudel mehr, sondern eine Klagelied, als spürten auch sie die Annäherung einer uralten Bedrohung.

Am nächsten Tag waren die Brunnen leer. Kein Tropfen Wasser, nicht einmal der übliche Schlamm am Boden der Eimer. Die Dorfbewohner versammelten sich auf dem Platz, ihre blassen Gesichter beleuchtet von einem seltsamen Licht, als würde es durch einen Schleier aus Blut gefiltert. Der Bürgermeister, ein kräftiger Mann mit sonst festem Blick, zitterte, als er das alte Grimorium des Dorfes hielt. « Wenn der Mond blutet, öffnen sich die Türen », las er mit rauer Stimme. Niemand wusste, welche Türen. Niemand wollte es wissen.

Dann begannen die Verschwinden. Zuerst ein Kind, dann ein Hirte, dann die alte Martha, die jede Pflanze und Wurzel in den Bergen kannte. Jedes Mal fand man einen kleinen schwarzen Stein, glatt und kalt, als wäre er von unsichtbaren Händen poliert, in der Nähe ihres Bettes oder ihres letzten Schrittes.

Léa, unfähig, untätig zu bleiben, folgte den Steinen. Sie führten immer weiter, zum alten verlassenen Turm am Rande des Waldes, den selbst Jäger mieden. Die steinernen Mauern, mit Moos bedeckt, schienen zu atmen. Drinnen war die Luft schwer, erfüllt vom Geruch feuchter Erde und etwas Älterem, Dunklerem. In der Mitte des Turms war ein Kreis aus schwarzen Steinen angeordnet, und in seiner Mitte wartete eine Gestalt. Sie war weder Mensch noch Tier, sondern etwas dazwischen, ihre Augen spiegelten das rötliche Glühen des Mondes.

« Du bist gekommen », flüsterte das Wesen mit einer Stimme, die kaum eine Stimme war. « Sie haben alle Angst. Du suchst. » Léa spürte ihr Herz klopfen, aber sie floh nicht. « Was hast du aus meinem Dorf genommen? », fragte sie, ihre Stimme fester, als sie dachte.

Das Wesen lächelte – oder was auf seinem verzerrten Gesicht einem Lächeln glich – und legte einen schwarzen Stein in Léas Handfläche. « Nichts, das nicht schon mir gehörte. Der rote Mond ist eine Erinnerung. Ein Pakt wurde vergessen. » Léa umklammerte den Stein. Sie wusste, ohne dass es ihr gesagt wurde, dass der « Preis » mehr war, als sie sich vorstellen konnte. Aber sie wusste auch, dass sie nicht fliehen konnte.

In dieser Nacht wurde der Mond wieder weiß. Doch Léa kehrte nie zurück.

Red Moon

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